Analyse Lars Schwarz ca. 13 Min. Lesezeit
Oldenburgs OB-Wahlkampf auf Instagram
Wer erreicht viele Menschen – und wer löst echte Debatten aus?
Dies ist eine Zwischen-Bestandsaufnahme. Sie zeigt nicht, wer die Oberbürgermeisterwahl gewinnt, wer „beliebter“ ist oder welche Positionen in Oldenburg mehrheitsfähig sind. Sie zeigt aber, wie sich der beginnende OB-Wahlkampf auf Instagram abbildet: Wer postet viel? Wer bekommt Reichweite? Wer bekommt Kommentare? Und wo entstehen echte Diskussionen statt nur Herzchen, Applaus oder kurze Unterstützungsbekundungen?
Ausgewertet wurden Instagram-Beiträge und Kommentare zu sechs Oberbürgermeister-Kandidatinnen und -Kandidaten in Oldenburg. Die zugrunde liegenden Daten wurden von einem Drittanbieter zur Verfügung gestellt. Berücksichtigt wurden nur Beiträge und Kommentare aus dem Jahr 2026. Einzelne Kommentierende werden in dieser Analyse bewusst nicht namentlich genannt. Es geht nicht um Personenprofile, sondern um aggregierte Diskursmuster.
Nicht berücksichtigt werden konnte Sebastian Fröhlich von der FDP, weil für ihn in der vorliegenden Drittanbieter-Datenlieferung kein auswertbarer Instagram-Datensatz enthalten war.
Die Datenbasis in Kürze
Für die Kommentar-Auswertung lagen insgesamt 1.342 Instagram-Kommentare aus dem Jahr 2026 vor. Diese stammen von 806 unterschiedlichen kommentierenden Accounts. Davon kommentierten 592 Accounts nur einmal. Das entspricht rund 73 Prozent aller Kommentierenden. Zugleich stammen 750 Kommentare, also knapp 56 Prozent, von Accounts, die mehrfach kommentiert haben.
Besonders interessant ist eine Gruppe von 81 Accounts, die bei mehr als einem Kandidaten oder einer Kandidatin kommentiert hat. Diese Gruppe macht nur rund 10 Prozent der unterschiedlichen Kommentierenden aus, steht aber für 307 Kommentare und damit knapp 23 Prozent des gesamten Kommentarvolumens. Hier zeigt sich ein kandidatenübergreifender lokaler Diskurskern: Menschen, die nicht nur einem Account folgen oder einmal zustimmen, sondern mehrere Kandidat:innen beobachten, kommentieren und vergleichen.
Auch die Konzentration auf einzelne Beiträge ist auffällig: Die 5 meistkommentierten Beiträge erzeugen zusammen 236 Kommentare, also rund 18 Prozent aller Kommentare. Die 10 meistkommentierten Beiträge kommen sogar auf 401 Kommentare und damit knapp 30 Prozent. Instagram-Debatten verteilen sich also nicht gleichmäßig über alle Beiträge. Einzelne Themen oder Posts ziehen sehr viel Aufmerksamkeit auf sich.
Reichweite: Küßner fällt besonders auf
Neben den Kommentaren wurden auch die Beitragsdaten betrachtet: Anzahl der Posts, Videoanteil, Likes, Kommentare und Videoaufrufe. Dabei ist wichtig: Die Daten zeigen keine echte Netto-Reichweite im Sinne eindeutig erreichter Personen. Sie zeigen aber sichtbare Plattformmetriken wie Videoaufrufe, Likes und Kommentare.
| Kandidat:in | Beiträge 2026 | Videos | Videoaufrufe gesamt | Ø Videoaufrufe je Video | Ø Likes je Beitrag | Ø Kommentare je Beitrag |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Byanca Küßner | 26 | 14 | 76.667 | 5.476 | 242,2 | 21,2 |
| Heike Boldt | 14 | 2 | 10.119 | 5.060 | 135,0 | 9,1 |
| Holger Martin Wilkens | 14 | 4 | 3.986 | 997 | 20,1 | 1,7 |
| Jascha Rohr | 54 | 43 | 139.486 | 3.244 | 126,6 | 13,8 |
| Ralph Butzin | 86 | 78 | 122.244 | 1.567 | 69,0 | 8,9 |
| Ulf Prange | 100 | 24 | 57.477 | 2.395 | 104,7 | 3,7 |
Die auffälligste Reichweitenkennzahl hat Byanca Küßner. Sie veröffentlichte nur 14 Videos, kommt aber auf 76.667 Videoaufrufe. Damit liegt sie bei den durchschnittlichen Videoaufrufen mit 5.476 Aufrufen je Video sehr weit vorne. Heike Boldt liegt mit 5.060 Aufrufen je Video ähnlich hoch, allerdings nur auf Basis von 2 Videos, was statistisch kaum belastbar ist.
| Vergleich | Aussage |
|---|---|
| Küßner vs. Prange | Küßner hat 14 Videos, Prange 24 Videos. Trotzdem erzielt Küßner 76.667 Videoaufrufe, Prange 57.477. Küßner erreicht also mit 42 Prozent weniger Videos rund 33 Prozent mehr Videoaufrufe. |
| Küßner vs. Rohr | Küßner hat 14 Videos, Rohr 43 Videos. Sie veröffentlicht also nur rund ein Drittel so viele Videos, erreicht aber 55 Prozent seiner gesamten Videoaufrufe. |
| Küßner vs. Butzin | Küßner hat 14 Videos, Butzin 78 Videos. Butzin erzielt insgesamt mehr Videoaufrufe, aber Küßner liegt beim Durchschnitt je Video mit 5.476 deutlich vor Butzin mit 1.567. |
Noch stärker ist der Unterschied bei der Resonanz pro Beitrag. Küßner erreicht durchschnittlich 242 Likes je Beitrag und 21,2 Kommentare je Beitrag. Ulf Prange kommt auf 104,7 Likes und 3,7 Kommentare je Beitrag, Jascha Rohr auf 126,6 Likes und 13,8 Kommentare je Beitrag, Ralph Butzin auf 69 Likes und 8,9 Kommentare je Beitrag.
Das heißt: Küßner veröffentlicht deutlich weniger als Prange, Rohr oder Butzin, erzielt aber pro Beitrag und vor allem pro Video sehr hohe sichtbare Resonanz.
Kommentarqualität: Zwischen Emoji, Rückfrage und Sachbeitrag
Die Kommentare wurden nicht nur gezählt, sondern auch grob nach Ton und Substanz eingeordnet. Diese Bewertung ist heuristisch, also eine regelbasierte Annäherung. Sie ersetzt keine manuelle Einzelfallprüfung, gibt aber Hinweise auf die Qualität des Diskurses.
Rund 14,5 Prozent aller Kommentare bestehen im Kern aus Emojis oder sehr kurzen Reaktionen. Etwa 28 Prozent wurden als mittel bis hoch substanzreich eingeordnet. Gemeint sind Kommentare mit längeren Texten, konkreten Fragen, lokalen Bezügen, Zahlen, Themen oder nachvollziehbaren Einwänden.
Insgesamt enthalten 173 Kommentare ein Fragezeichen. Das entspricht rund 13 Prozent. Rund 29 Prozent der Kommentare enthalten einen erkennbaren lokalen Bezug, etwa zu Oldenburg, konkreten Orten, Projekten, Verwaltung, Verkehr, Klima, Wohnen oder bekannten lokalen Streitpunkten.
Die Tonlage ist insgesamt gemischt: Rund 36 Prozent der Kommentare wurden als positiv oder zustimmend eingeordnet, rund 23 Prozent als kritisch oder kritisch-fragend. Nur ein sehr kleiner Anteil von unter 1 Prozent wurde als abwertend oder polemisch markiert. Das ist bemerkenswert, weil politische Kommentarspalten häufig rau wirken. In dieser Datenbasis ist die Mehrheit der Kommentare zwar oft kurz, aber nicht überwiegend aggressiv.
Rechte Signale, blaue Herzen und abwertende Kommentare
Auffällig waren einzelne Kommentare mit rechten oder migrationsfeindlichen Signalformulierungen. Im Umfeld von Ralph Butzin fanden sich mehrere Kommentare mit Abschiebungs- oder Ausgrenzungsformeln. Bei Byanca Küßner gab es einen klar polemischen Kommentar mit der Formulierung „links & grün versifft“. Bei Heike Boldt fand sich auf einem Umfeld-/Parteipost die Formulierung „Abschiebung schafft Wohnraum“. Bei Jascha Rohr, Ulf Prange und Holger Martin Wilkens ergab die Auswertung keine belastbare Häufung AfD-naher Kommentare.
Auch Hass und Hetze waren kein Massenphänomen in den Daten. Es gab aber einzelne abwertende, polemische oder verachtende Kommentare. Besonders problematisch sind nicht gewöhnliche politische Kritik oder scharfe Einwände, sondern pauschale Ausgrenzungsformeln, Beleidigungen oder entmenschlichende Sprache. Insgesamt zeigt sich: Die Instagram-Kommentarspalten sind nicht überwiegend hasserfüllt, aber sie enthalten punktuell genau jene rauen und ausgrenzenden Muster, die in einem demokratischen Wahlkampf benannt werden sollten.
Eine Auswertung nach mutmaßlichem Geschlecht der Kommentierenden wurde bewusst nicht vorgenommen. Aus Accountnamen oder Profilnamen belastbar abzuleiten, ob jemand männlich, weiblich oder divers ist, wäre methodisch unsicher und würde persönliche Merkmale zuschreiben, die für diese Analyse nicht erforderlich sind.
Kommentarvergleich nach Kandidat:in
| Kandidat:in | Kommentare 2026 | unterschiedliche Kommentierende | positiv/zustimmend | kritisch/kritisch-fragend | substanziell mittel/hoch | Emoji-only |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Byanca Küßner | 310 | 165 | 50,3 % | 15,2 % | 16,5 % | 16,8 % |
| Heike Boldt | 81 | 61 | 34,6 % | 16,0 % | 18,5 % | 30,9 % |
| Holger Martin Wilkens | 19 | 19 | 21,1 % | 31,6 % | 36,8 % | 15,8 % |
| Jascha Rohr | 426 | 315 | 24,9 % | 29,6 % | 39,4 % | 6,1 % |
| Ralph Butzin | 218 | 172 | 22,9 % | 31,7 % | 28,4 % | 11,5 % |
| Ulf Prange | 288 | 183 | 48,6 % | 17,4 % | 26,7 % | 22,2 % |
Diese Tabelle zeigt gut, dass Kommentarzahl und Kommentarqualität nicht dasselbe sind. Küßner hat eine sehr starke positive Resonanz und eine hohe Kommentarzahl. Rohr hat die meisten Kommentare und zugleich den höchsten Anteil substanzreicher Kommentare. Butzin hat eine vergleichsweise kritische Kommentarlandschaft. Prange hat viel Zustimmung, aber auch viele kurze Reaktionen. Heike Boldt ist wegen der Datenstruktur eingeschränkt vergleichbar. Holger Martin Wilkens hat schlicht zu wenige Kommentare für robuste Aussagen.
Reagieren die Kandidat:innen selbst?
Eine zusätzliche Frage war, ob die Kandidatenaccounts selbst auf Kommentare reagieren.
Sichtbare Eigenkommentare der Primäraccounts sind insgesamt selten.
| Kandidat:in | sichtbare Eigenreaktionen auf Primäraccount-Posts | Kommentare auf Primäraccount-Posts | Posts mit Eigenreaktion |
|---|---|---|---|
| Byanca Küßner | 1 | 310 | 1 von 25 |
| Heike Boldt | 0 | 3 | 0 von 3 |
| Holger Martin Wilkens | 0 | 19 | 0 von 4 |
| Jascha Rohr | 3 | 415 | 3 von 44 |
| Ralph Butzin | 3 | 218 | 2 von 54 |
| Ulf Prange | 0 | 249 | 0 von 48 |
Das bedeutet nicht zwingend, dass keine Interaktion stattfindet. Die Daten enthalten keine vollständige technische Reply-Struktur und bilden nur ab, was in der Drittanbieter-Datenlieferung vorhanden war. Trotzdem ist der Befund klar: Auf Instagram ist sichtbare Eigenmoderation in diesen Daten kein dominierendes Muster.
Hinweis in eigener Sache: Blockieren statt Debatte
Zu dieser Zwischen-Bestandsaufnahme gehört auch eine persönliche Erfahrung des Autors: Ralph Butzin hat mich auf Instagram blockiert, nachdem ich unter zwei seiner Videos kritisch kommentiert hatte – mit Gegenargumenten, Korrekturen und Faktenhinweisen.
Das ist kein statistischer Befund aus den Daten, sondern eine eigene Erfahrung. Politisch relevant ist sie trotzdem. Wer Oberbürgermeister einer Stadt werden möchte, muss Kritik aushalten können – gerade dann, wenn sie sachlich und faktenbezogen vorgetragen wird. Bürgerinnen und Bürger zu blockieren, statt Kritik sichtbar zu beantworten oder einzuordnen, passt nicht zu dem Anspruch, eine offene Stadtgesellschaft zu vertreten.
Gerade in einem lokalen Wahlkampf ist Social Media nicht nur Bühne, sondern auch öffentlicher Gesprächsraum. Wer diesen Raum kontrolliert, indem kritische Stimmen ausgesperrt werden, setzt ein problematisches Signal.
Byanca Küßner: wenig Masse, viel Wirkung
Byanca Küßner kommt auf 26 Beiträge, darunter 14 Videos. Mit 76.667 Videoaufrufen und durchschnittlich 5.476 Aufrufen je Video erreicht sie eine ungewöhnlich starke Videoresonanz. Auch die durchschnittliche Interaktion ist hoch: 242,2 Likes je Beitrag und 21,2 Kommentare je Beitrag sind in dieser Auswertung Spitzenwerte.
In den Kommentaren zeigt sich eine überwiegend positive Tonlage: 50,3 Prozent der Kommentare wurden als positiv oder zustimmend eingeordnet. Kritische oder kritisch-fragende Kommentare machen 15,2 Prozent aus. Der Anteil mittlerer oder hoher Substanz liegt bei 16,5 Prozent. Das ist niedriger als bei Rohr oder Butzin, aber Küßner erzielt insgesamt eine starke Aktivierung.
Das Bild: Küßner veröffentlicht weniger als mehrere Mitbewerber, erreicht aber pro Beitrag und vor allem pro Video sehr viel Resonanz. Ihre Kommunikation scheint nicht auf Masse zu setzen, sondern auf einzelne Beiträge, die sichtbar weit laufen.
Auffällig ist außerdem ein einzelner klar rechts-polemischer Kommentar mit der Formulierung „links & grün versifft“. Eine breite Häufung solcher Kommentare ist in den Daten jedoch nicht erkennbar.
Heike Boldt: viel Umfeld, wenig Primäraccount-Daten
Heike Boldt ist methodisch der schwierigste Fall. In der Beitragsauswertung stehen 14 Beiträge ab 2026, darunter 2 Videos. Diese beiden Videos erreichen zusammen 10.119 Videoaufrufe, also durchschnittlich 5.060 Aufrufe je Video. Das klingt stark, ist wegen der sehr kleinen Videozahl aber kaum belastbar.
In der Kommentar-Auswertung liegen 81 Kommentare vor, aber nur 3 Kommentare beziehen sich direkt auf den Primäraccount. Viele Reaktionen stammen aus dem Umfeld von Partei-, Unterstützer- oder verknüpften Accounts. Deshalb ist diese Auswertung für Boldts eigene Instagram-Kommunikation nur eingeschränkt belastbar.
Der Kommentarstil wirkt häufig unterstützend und kurz. 34,6 Prozent der Kommentare wurden als positiv eingeordnet, 16 Prozent als kritisch oder kritisch-fragend. Der Emoji-only-Anteil ist mit 30,9 Prozent der höchste in der Auswertung. Das spricht eher für ein unterstützendes politisches Umfeld als für eine breite, direkt auf dem persönlichen Account geführte Debatte.
Auffällig ist ein Kommentar mit der Formulierung „Abschiebung schafft Wohnraum“, also eine migrationsfeindliche Zuspitzung. Dieser Kommentar lag allerdings nicht direkt auf ihrem Primäraccount, sondern auf einem Umfeld- beziehungsweise Parteipost.
Holger Martin Wilkens: kleine Datenbasis, geringe Resonanz
Holger Martin Wilkens hat im Datensatz 14 Beiträge aus 2026, darunter 4 Videos. Diese Videos kommen zusammen auf 3.986 Videoaufrufe, also durchschnittlich 997 Aufrufe je Video. Auch die übrigen Kennzahlen sind niedrig: 20,1 Likes je Beitrag und 1,7 Kommentare je Beitrag.
In der Kommentar-Auswertung liegen nur 19 Kommentare vor. Das ist zu wenig, um robuste Aussagen über Diskussionsklima oder Kommentarqualität zu treffen. Auffällig ist immerhin, dass die wenigen Kommentare nicht nur reine Zustimmung sind: 31,6 Prozent wurden als kritisch oder kritisch-fragend eingeordnet. Gleichzeitig liegt der Anteil substanzreicher Kommentare bei 36,8 Prozent, was bei dieser kleinen Fallzahl aber mit Vorsicht gelesen werden muss.
Der Kanal erscheint in diesen Daten noch nicht als stark aktivierter Instagram-Wahlkampfkanal. Auffällige rechte, AfD-nahe oder hasserfüllte Kommentarcluster waren in dieser kleinen Datenbasis nicht erkennbar.
Jascha Rohr: die stärkste Debatte
Jascha Rohr hat 54 Beiträge aus 2026, darunter 43 Videos. Mit 139.486 Videoaufrufen erzielt er die höchste gesamte Videoreichweite in der Auswertung. Durchschnittlich sind das 3.244 Aufrufe je Video. Bei den Kommentaren erreicht er 13,8 Kommentare je Beitrag.
Noch auffälliger ist die Kommentarqualität: Rohr hat mit 426 Kommentaren die meisten Kommentare im Datensatz. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Kommentarlänge hoch. 39,4 Prozent der Kommentare wurden als mittel oder hoch substanzreich eingeordnet – der höchste Wert in dieser Analyse. Nur 6,1 Prozent der Kommentare sind Emoji-only.
Die Tonlage ist nicht einfach nur positiv. 24,9 Prozent der Kommentare wurden als positiv eingeordnet, 29,6 Prozent als kritisch oder kritisch-fragend. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eher ein Hinweis darauf, dass seine Beiträge Debatten auslösen. Rohr erzeugt weniger reine Jubelkommunikation als vielmehr thematische Auseinandersetzung, etwa zu Mobilität, Stadtgrün, CSD, Gendern, Klima oder Stadtentwicklung.
In einzelnen Kommentaren tauchen blaue Herzen auf, diese beziehen sich aber erkennbar auf Stadion- oder Pro-Stadion-Kontexte und sollten deshalb nicht als AfD-Signal gewertet werden. Eine belastbare Häufung rechter oder AfD-naher Kommentare war im ausgewerteten Material nicht erkennbar.
Ralph Butzin: viel Video, gemischte Reaktionen
Ralph Butzin veröffentlicht sehr viel: 86 Beiträge aus 2026, darunter 78 Videos. Damit hat er den höchsten Videoanteil. Insgesamt kommt er auf 122.244 Videoaufrufe, durchschnittlich aber nur auf 1.567 Aufrufe je Video. Das ist deutlich weniger als Küßner, Rohr oder Prange.
Bei den Kommentaren entsteht trotzdem eine relevante Diskussion. Butzin kommt auf 218 Kommentare im Kommentar-Datensatz und auf 8,9 Kommentare je Beitrag in den Beitragsdaten. Die Kommentare sind mit durchschnittlich 20 Wörtern relativ lang. 28,4 Prozent wurden als mittel oder hoch substanzreich eingeordnet.
Die Tonlage ist gemischt bis kritisch. 22,9 Prozent der Kommentare wurden als positiv oder zustimmend eingeordnet, 31,7 Prozent als kritisch oder kritisch-fragend. Damit hat Butzin zusammen mit Holger Martin Wilkens den höchsten kritischen Anteil – bei Butzin allerdings auf deutlich größerer Datenbasis.
Auffällig ist zusätzlich, dass in seinem Kommentarumfeld mehrere migrationsbezogene Ausgrenzungs- und Abschiebungsformeln auftauchen. Das ist keine Mehrheit der Kommentare, aber ein sichtbarer problematischer Rand. Zugleich gibt es die persönliche Erfahrung des Autors, von Butzin nach sachlich-kritischen Kommentaren blockiert worden zu sein. Für einen OB-Kandidaten ist das mindestens ein fragwürdiges Signal im Umgang mit Kritik.
Das Gesamtbild: Butzin ist sehr präsent, erzeugt Diskussion und Widerspruch, aber seine hohe Postingfrequenz übersetzt sich nicht automatisch in hohe durchschnittliche Videoreichweite. Seine Kommentarlandschaft ist relevanter und kontroverser als bei manchen Mitbewerber:innen, aber sie enthält auch problematische Randtöne.
Ulf Prange: breite Sichtbarkeit, viel Support
Ulf Prange hat mit 100 Beiträgen die größte Beitragsmenge im Datensatz. Darunter sind 24 Videos, die zusammen 57.477 Videoaufrufe erzielen. Durchschnittlich sind das 2.395 Aufrufe je Video. Bei Likes liegt Prange mit 10.470 Likes insgesamt vorn, was auch mit der hohen Beitragszahl zusammenhängt. Pro Beitrag sind es 104,7 Likes.
Die Kommentare sind über viele Beiträge verteilt: 288 Kommentare im Kommentar-Datensatz und 3,7 Kommentare je Beitrag in den Beitragsdaten. Die Tonlage ist häufig freundlich oder unterstützend. 48,6 Prozent der Kommentare wurden als positiv oder zustimmend eingeordnet. Kritische oder kritisch-fragende Kommentare machen 17,4 Prozent aus.
Der Emoji-only-Anteil liegt bei 22,2 Prozent. Das passt zu einem Kommunikationsbild, das stark über Termine, Begegnungen, Veranstaltungen, Fotos und institutionelle Sichtbarkeit funktioniert. Es gibt substanzielle Beiträge, aber insgesamt wirkt die Kommentarlandschaft weniger zugespitzt als bei Rohr oder Butzin.
AfD-Erwähnungen wurden bei Prange überwiegend kritisch oder analytisch verwendet. Blaue Herzen tauchen in Regenbogen-, Unterstützungs- oder sonstigen Kontexten auf und sind hier kein belastbarer AfD-Indikator.
Methodisch wichtig: Nicht alle Kommentare im Datensatz beziehen sich direkt auf den Primäraccount, sondern teilweise auf Umfeld-, Partei- oder Veranstaltungsaccounts. Pranges Kommentarbild ist daher auch ein Bild seines politischen Netzwerks.
Was sagt diese Zwischen-Bestandsaufnahme?
Die Instagram-Daten zeigen keine repräsentative öffentliche Meinung. Sie zeigen aber, welche Kandidat:innen auf Instagram welche Art von Resonanz erzeugen.
Byanca Küßner ist der auffälligste Reichweitenfall: wenige Beiträge, relativ wenige Videos, aber sehr starke durchschnittliche Videoaufrufe, Likes und Kommentare pro Beitrag.
Jascha Rohr steht für die stärkste und substanzreichste Diskussion. Seine Beiträge erzeugen viele konkrete Nachfragen und lokale Einwände.
Ralph Butzin ist sehr präsent und stark videoorientiert, bekommt aber eine gemischtere und kritischere Kommentarlandschaft. Zusätzlich gibt es sowohl problematische Randkommentare als auch die persönliche Erfahrung des Autors, wegen sachlicher Kritik blockiert worden zu sein.
Ulf Prange hat die größte Beitragsmenge, viel positive Resonanz und hohe Gesamtsichtbarkeit, aber pro Beitrag weniger Diskussion.
Heike Boldt ist wegen der Datenstruktur nur eingeschränkt bewertbar, da die Kommentare stark durch Umfeldaccounts geprägt sind.
Holger Martin Wilkens ist wegen der geringen Kommentarzahl kaum belastbar vergleichbar.
Insgesamt zeigt sich: Instagram ist im Oldenburger OB-Wahlkampf nicht nur Schaufenster, sondern teilweise auch Debattenraum. Aber dieser Debattenraum ist ungleich verteilt. Einige Beiträge ziehen viele Kommentare auf sich, viele andere bleiben nahezu unkommentiert. Ein kleiner Kreis wiederkehrender Accounts prägt einen relevanten Teil der Diskussion. Und die Qualität der Kommentare schwankt stark – von Herzchen und Applaus bis zu langen lokalen Sachkommentaren.
Zum Schluss: Die Herzblatt-Hommage
Und weil Wahlkampf am Ende auch immer ein bisschen Auswahlshow ist, folgt nun – frei angelehnt an das alte „Herzblatt“-Prinzip – die Frage: Wen wählen die Oldenburgerinnen und Oldenburger für den Platz im Rathaus?
So, liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger, wer ist Ihr Rathaus-Herzblatt?
Byanca, die direkte Stadtmacherin mit Beteiligung im Vorbeigehen? Sie fragt nicht, ob Bürgerbeteiligung kompliziert sein muss, sondern stellt sich eine interaktive Tafel mitten im Alltag vor. Dazu kommen Fliegerhorst, Aufklärung, Wohnen, Verwaltung und die Frage, was Oldenburg wirklich schneller und ehrlicher lösen kann. Ihr Traumdate? Kein Formular-Dschungel, kein Sitzungskalender – sondern ein Ort, an dem Menschen spontan sagen können, was sie bewegt.
Heike, die kämpferische Kandidatin mit rotem Herz und klarer Haltung? Sie kommt vom CSD, spricht über Solidarität, soziale Sicherheit, Gleichberechtigung und das Versprechen, dass leere Worte nicht reichen. Romantik? Ja, aber bitte politisch: Offenheit, Antidiskriminierung und echte Taten statt Symbolpolitik. Ihr perfekter Abend beginnt mit Haltung zeigen und endet mit dem Satz: „Wir werden liefern.“
Holger Martin, der zurückhaltende Bündnisstarter mit Prioritätenliste? Er kommt nicht mit der großen Showtreppe, sondern mit Unterstützungsunterschriften, BB-OL, Flötenteichbad und der Frage, ob Oldenburg seine Projekte eigentlich noch sortiert bekommt. Er wirkt wie der Kandidat, der beim Candle-Light-Dinner erst einmal die Kostenaufstellung auf den Tisch legt – aber immerhin verspricht: Wir reden über das, was wirklich wichtig ist.
Jascha, der grüne Stadtentwickler mit Schattenplatz-Romantik? Er sieht 40 Grad auf Asphalt und denkt nicht an Eis, sondern an Stadtplanung. Bei ihm geht es um Bäume, Klima, Mobilität, Beteiligung, CSD, Lebensentwürfe und die Frage, wie Oldenburg angenehmer, gerechter und zukunftsfähiger wird. Sein perfektes Date? Ein Spaziergang vom heißen Schlossplatz in den kühlen Schatten – mit Zwischenstopp an einer Straßenbahnvision und einer offenen Kommentardebatte.
Ralph, der pragmatische Dauerfilmer mit Hang zum langen Antworttext? Er möchte nicht lange fackeln, sondern „einfach mal machen“, sucht schnelle Wege zu Wohnraum, spricht über Fachstellen, Sicherheit, Innenstadt, Verwaltung und die großen Oldenburger Baustellen. Wenn andere noch prüfen, hat Ralph schon ein Video aufgenommen, einen Link gesetzt und im Kommentar noch drei Absätze nachgereicht. Sein ideales Date? Ein kontroverses Gespräch auf dem Sofa, danach ein pragmatischer Maßnahmenplan und vielleicht noch ein kurzer Abstecher zur Classic-Car-Charity.
Ulf, der institutionelle Netzwerker mit Terminkalender, Campusbesuch und Stadtentwicklungsblick? Er bringt Fotos vom Richtfest, spricht über Wissenschaft, Wirtschaft, Investitionen, Begegnungen und eine Stadt, die modern, sozial und gut organisiert wirken soll. Er ist vielleicht nicht der lauteste Flirt im Raum, aber einer, der weiß, wer beim Empfang neben wem steht. Sein perfektes Date? Erst ein Ortstermin, dann ein Gruppenfoto, danach ein sachlicher Absatz über die Bedeutung für den Standort Oldenburg.
Und jetzt, Oldenburg: Wählen Sie die Beteiligungsfrau mit Ideentafel, die Kämpferin mit rotem Herzen, den Bündnis-Mann mit Kostenblick, den Stadtentwickler mit Schattenplan, den Pragmatiker mit Kamera oder den Netzwerker mit Standortagenda?
Diese Zwischen-Bestandsaufnahme zeigt nur den Stand der Instagram-Daten. Das echte Herzblatt wird nicht im Kommentarbereich vergeben, sondern an der Wahlurne.
PS: Ein kleiner technischer und medienpolitischer Nachtrag: Für diese Auswertung hätte ich dezentrale soziale Netzwerke wie Mastodon ausdrücklich bevorzugt. Dort wären öffentliche Beiträge unabhängiger von Plattformlogiken, algorithmischer Sichtbarkeit und Drittanbieter-Scraping auswertbar. Allerdings nutzt nach meiner Recherche keiner der betrachteten Kandidat:innen Mastodon oder ein vergleichbares dezentrales soziales Netzwerk sichtbar für den OB-Wahlkampf.
Außerdem eine Korrektur zur Datenlage bei Sebastian Fröhlich: Er verfügt doch über einen Instagram-Account. Der Account läuft unter @sf26.de, war aber in der vorliegenden Drittanbieter-Datenlieferung nicht enthalten und konnte deshalb nicht ausgewertet werden. Zusätzlich war seine Internetseite nach meinen Abrufen zuletzt zeitweise nicht erreichbar; zugleich ist der Instagram-Account bei einer Suche nach „sebastian fröhlich fdp“ auf Instagram nicht ohne Weiteres auffindbar. Auch das zeigt ein methodisches Problem solcher Social-Media-Auswertungen: Wer nicht sauber auffindbar ist oder in der Datenerhebung fehlt, fällt schnell aus dem Vergleich heraus, selbst wenn ein Account formal existiert.