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Überblick Lars Schwarz ca. 14 Min. Lesezeit

Neun Kandidierende, eine Wahl – wofür stehen sie eigentlich?

Neun Personen wollen Oberbürgermeister:in werden. Eine Übersicht, die alle nach denselben Maßstäben betrachtet – auf Basis dessen, was öffentlich dokumentiert ist.


Die Briefwahl zur Oldenburger Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl läuft. Am 13. September 2026 entscheiden die Oldenburgerinnen und Oldenburger nicht nur über einen neuen Stadtrat, sondern auch darüber, wer Jürgen Krogmann im Amt des Oberbürgermeisters nachfolgt. Neun Personen stehen zur Wahl. Die Amtszeit beträgt acht Jahre – und das ist neu: Der Landtag hat sie erst am 29. Januar 2025 von fünf auf acht Jahre verlängert (§ 80 NKomVG). Wer am 13. September gewählt wird, führt die Stadtverwaltung damit bis 2034.

Wer sich vor der Wahl über alle neun Kandidierenden informieren möchte, hat es allerdings erstaunlich schwer. Es gibt Wahlprogramme einzelner Kandidaten, persönliche Internetseiten, Podcasts, Presseporträts, Instagram-Videos und Partei- beziehungsweise Wählergruppenprogramme. Was fehlt, ist eine leicht zugängliche Übersicht, die alle neun nach denselben Maßstäben betrachtet. Dabei unterscheiden sich nicht nur ihre politischen Positionen erheblich, sondern auch die Menge der Informationen, die sie überhaupt öffentlich zur Verfügung stellen.

Diese Übersicht versucht deshalb etwas Einfaches: Sie fasst zusammen, was sich aus öffentlich zugänglichen Aussagen tatsächlich über die Kandidierenden sagen lässt. Wo eine Position nicht erkennbar ist, wird sie nicht ergänzt oder aus einer Parteizugehörigkeit abgeleitet.

Die Reihenfolge entspricht der amtlichen Wahlbekanntmachung. Dort sind auch Beruf und Wahlvorschlag angegeben.

Zu den Kurzprofilen („Auf einen Blick"): Sie zeigen, wofür die neun Kandidierenden nach ihren bisher öffentlich dokumentierten Aussagen stehen. „Noch offen" bedeutet nicht, dass eine Person dazu keine Meinung hat – sondern lediglich, dass wir bislang keine ausreichend konkrete öffentliche Position gefunden haben. Die Angabe nach dem Namen nennt den Wahlvorschlag laut amtlicher Bekanntmachung, nicht zwingend eine Parteimitgliedschaft. Stand: 7. August 2026.

Jascha Rohr – Verwaltung verändern und Entscheidungen gemeinsam entwickeln

Jascha Rohr, Jahrgang 1976, Unternehmer, tritt auf dem Wahlvorschlag von Bündnis 90/Die Grünen an. Rohr ist parteilos und der einzige Kandidat, hinter dem zwei Parteien stehen: Die Grünen nominierten ihn im Juli 2025, die CDU verzichtete auf einen eigenen Bewerber und nominierte ihn im Oktober 2025 ebenfalls, mit 37 von 50 Stimmen bei zehn Gegenstimmen und drei Enthaltungen.

Das ist für die Einordnung seiner Positionen erheblich, denn beide Parteien führen getrennte Wahlkämpfe mit eigenen Programmen – und diese widersprechen sich an Punkten, die in Oldenburg umstritten sind. Die CDU wirbt gegen Tempo 30 und gegen die Baumschutzsatzung. Rohr hat das auf Nachfrage der NWZ bestätigt und eingeordnet: Beide Parteien führten eigene Wahlkämpfe mit eigenen Programmen, die Gegensätze seien allen von Anfang an klar gewesen; entscheiden werde darüber der neu gewählte Rat, und er werde diesen Prozess als Oberbürgermeister leiten und moderieren. Wer von der Unterstützung durch eine der beiden Parteien auf seine eigene Haltung schließt, kann also danebenliegen.

Er gehört zu den Kandidaten, bei denen inzwischen vergleichsweise viele konkrete politische Aussagen vorliegen: Neben einem ausführlichen Wahlprogramm gibt es mehrere Interviews und Podcasts.

Ein Schwerpunkt ist die Modernisierung der Verwaltung. Rohr fordert unter anderem ein unabhängiges Organisationsgutachten, eine öffentliche digitale Übersicht über Projekte, Ausgaben und Zeitpläne sowie transparentere kommunale Beteiligungen mit Quartalszahlen und professioneller Aufsicht. Beim Haushalt formuliert er eine klare Reihenfolge: Zunächst solle bei Strukturen gespart werden, nicht bei Vereinen, Kultur, Bildung und Sozialem.

Auch beim Klimaschutz ist seine Richtung klar: Der bestehende Klimaschutzplan soll nicht lediglich beschlossen bleiben, sondern organisatorisch umgesetzt, priorisiert und mit Verantwortlichkeiten und Zeitplänen versehen werden. Beim Verkehr beschreibt Rohr die langfristige Entwicklung von Städten als autoarm bis autofrei, will den Übergang aber über bessere Alternativen statt über einen abrupten Verzicht organisieren. Dazu gehören ein durchgängigeres Radnetz und ein deutlich stärkerer Busverkehr. In seinem Programm fordert er außerdem eine stärkere Präsenz von Citywache und Ordnungsdienst am Abend und am Wochenende.

Typisch für Rohr ist allerdings, dass er bei mehreren Konflikten eher Verfahren und gemeinsame Lösungsentwicklung beschreibt als bereits ein fertiges Ergebnis vorgibt. Bürgerbeteiligung versteht er stark als „Co-Creation": Betroffene sollen früh an Lösungen mitarbeiten. Das beantwortet beispielsweise noch nicht die Frage, ob vor besonders teuren Großprojekten grundsätzlich ein verbindlicher Bürgerentscheid stattfinden sollte.

Kurz gesagt: Rohr steht für Verwaltungsmodernisierung, Beteiligung, Klimaschutz und einen langfristigen Mobilitätswandel. Bei einigen konkreten Zielkonflikten bleibt offen, wie weit er im Einzelfall gehen würde.

Ulf Prange – soziale Infrastruktur und eine modernere Verwaltung

Ulf Prange, Jahrgang 1975, Jurist und Landtagsabgeordneter, kandidiert für die SPD. Auf seiner eigenen Internetseite hat er einen breiten Ziel- und Maßnahmenkatalog veröffentlicht.

Prange setzt stark auf klassische kommunale Daseinsvorsorge: Krippen, Kitas und schulische Ganztagsangebote sollen ausgebaut, Kultur verlässlich gefördert und Sportstätten saniert oder neu gebaut werden. Vereine sollen nach seinen Vorstellungen verlässlich und auskömmlich unterstützt werden.

Beim Klimaschutz soll die Stadt selbst stärker vorangehen – etwa bei ihren Gebäuden, beim Energieverbrauch und bei der Beschaffung. Energetische Sanierungen, mehr Stadtgrün, Entsiegelung und zusätzliche Bäume gehören ebenfalls zu seinen Zielen. Gleichzeitig will Prange Verwaltungsverfahren durch Digitalisierung, KI, besseres Projektmanagement und einfachere Prozesse beschleunigen.

Prange tritt damit mit einem relativ breiten kommunalpolitischen Angebot an. Weniger klar wird bisher jedoch, wie er entscheidet, wenn diese Ziele miteinander in Konkurrenz geraten. Wenn beispielsweise Geld für Schulen, Kultur, Sport, Klimaschutz und soziale Angebote gleichzeitig benötigt wird: Was hat im Zweifel Vorrang und wo würde gespart? Auch bei einigen besonders umstrittenen Oldenburger Großprojekten sind seine persönlichen Abgrenzungen bislang weniger deutlich dokumentiert als seine allgemeinen Ziele.

Kurz gesagt: Prange setzt auf Ausbau von Bildung und sozialer Infrastruktur, Kultur und Sport sowie Klimaschutz und eine effizientere Verwaltung. Die konkreten Prioritäten bei finanziellen Zielkonflikten sind noch weniger klar.

Heike Boldt – soziale Daseinsvorsorge im Mittelpunkt

Heike Boldt, Jahrgang 1981, Gewerkschaftssekretärin, kandidiert für Die Linke. Über sie liegen bislang deutlich weniger ausführliche kommunalpolitische Aussagen vor als über einige andere Kandidaten.

Erkennbar ist ein klarer sozialpolitischer Schwerpunkt. Boldt will kommunale Sozialpolitik und öffentliche Daseinsvorsorge stärker priorisieren. Bezahlbare Mieten und sozial zugängliches Wohnen gehören ebenso zu ihren zentralen Themen. Darüber hinaus fordert sie bessere Bedingungen in Bildung, Kitas, Klinikum und Verwaltung sowie stärkere gesellschaftliche und politische Teilhabe von Menschen, die bislang weniger repräsentiert sind.

Die politische Richtung ist damit durchaus erkennbar: soziale Infrastruktur vor anderen Ausgaben, bezahlbares Wohnen und stärkere Teilhabe. Für viele konkrete Oldenburger Entscheidungen fehlen bislang jedoch detaillierte öffentliche Aussagen. Dazu gehören etwa Stadionfinanzierung, Flötenteichbad, konkrete Verkehrspolitik oder der Umgang mit dem Klimaschutzplan.

Das ist keine Aussage über die Qualität ihrer Kandidatur – sondern über die derzeit öffentlich verfügbare Informationsbasis.

Kurz gesagt: Boldt vertritt am deutlichsten einen sozialpolitischen Schwerpunkt. Viele konkrete kommunale Streitfragen bleiben öffentlich aber noch unbeantwortet.

Sebastian Fröhlich – wirtschaftlicher Blick und stärkere Priorisierung

Sebastian Fröhlich, Jahrgang 1979, selbstständiger Kaufmann, kandidiert für die FDP. Er veröffentlicht auf seiner Internetseite einzelne politische Positionen; hinzu kommt ein ausführlicheres Podcastgespräch.

Beim Haushalt möchte Fröhlich Aufgaben, Doppelstrukturen und Ausgaben stärker auf Priorität, Effizienz und Sparsamkeit prüfen. Bei Verwaltungs- und Bauverfahren spricht er sich für verbindlichere Bearbeitungszeiten und teilweise auch Genehmigungsfiktionen aus.

Beim Stadion ist seine Position differenziert: Einen modernen Stadionneubau unterstützt er grundsätzlich und hält auch eine kommunale Investition für vertretbar. Eine Konstruktion, bei der das Stadion jedoch dauerhaft hauptsächlich von städtischen Mitteln abhängig bleibt, hält er nicht für tragfähig. Hauptnutzer und Sponsoren sollen sich stärker beteiligen.

In der Verkehrspolitik lehnt Fröhlich pauschales Tempo 30 auf Hauptstraßen ohne konkrete Begründung oder Gefahrenlage ab. Fuß-, Rad-, Bus- und Autoverkehr sollen nach seiner Vorstellung in einem Gesamtkonzept berücksichtigt werden.

Kurz gesagt: Fröhlich setzt stärker als viele andere auf Effizienz, wirtschaftliche Tragfähigkeit und eine ausgewogene Berücksichtigung verschiedener Verkehrsarten. Sozial- und klimapolitische Prioritäten sind bislang weniger ausführlich dokumentiert.

Ralf Butzin – Kontrolle, Bürgerbeteiligung und Sicherheit

Ralf Butzin, Jahrgang 1970, Wirtschaftsökonom, tritt als Einzelbewerber an. Die Stadt führt seinen Vornamen amtlich als „Ralf", während er selbst öffentlich häufig „Ralph" verwendet.

Butzin stellt besonders die Kontrolle großer Projekte heraus. Große städtische Bauvorhaben sollen durch ein unabhängiges externes Controlling begleitet werden. Bei besonders weitreichenden oder riskanten Projekten befürwortet er außerdem Bürgerbefragungen beziehungsweise direkte Abstimmungen, ohne bislang eindeutig festzulegen, wann diese verbindlich sein sollen.

Beim Thema Sicherheit orientiert er sich unter anderem an Mannheim: Mehr sichtbare Streifen des Ordnungsdienstes, feste Ansprechpersonen und gegebenenfalls Platzverweise gehören zu seinen Vorschlägen.

Beim Wohnen hat Butzin unter anderem vorgeschlagen, leerstehenden Wohnraum zeitweise auch dann nutzbar zu machen, wenn energetische Standards noch nicht vollständig erreicht sind. Eine Straßenbahn hält er angesichts der Finanzlage für nicht realistisch.

Seine Positionen verbinden damit finanzielle Vorsicht, stärkere Kontrolle, direkte Beteiligung und Ordnungspolitik. Weniger eindeutig ist, wie er die verschiedenen freiwilligen sozialen und kulturellen Angebote im Fall einer tiefgreifenden Haushaltskonsolidierung gegeneinander priorisieren würde.

Butzin ist kommunalpolitisch kein Neuling: In der Nachbargemeinde Hatten kandidierte er bereits zweimal für das Bürgermeisteramt – 2006 mit 610 Stimmen (9,6 Prozent) bei fünf Bewerbenden und 2021 mit 869 Stimmen (11,09 Prozent) bei sechs Bewerbenden.

Kurz gesagt: Butzin setzt auf Projektkontrolle, mehr direkte Beteiligung und sichtbare Ordnungspolitik – mit einem eher zurückhaltenden Blick auf neue finanzielle Großvorhaben.

Yakup Castur – Schulen, Sicherheit und DAVA-Programmatik

Yakup Castur, Jahrgang 1975, Mediendesigner und Unternehmer, kandidiert für DAVA-Niedersachsen.

Castur verfügt bislang nicht über ein eigenes umfangreiches kommunales OB-Programm. Aus persönlichen öffentlichen Aussagen ist unter anderem bekannt, dass er vor größeren Finanzentscheidungen zunächst die Haushaltslage analysieren und anschließend priorisieren möchte. Schulen zählt er zu den vorrangigen Bereichen der kommunalen Daseinsvorsorge. Beim Thema Sicherheit fordert er mehr sichtbare Präsenz von Polizei und Ordnungsamt sowie zusätzliche Stellen.

Daneben steht das deutlich umfangreichere DAVA-Parteiprogramm. Darin finden sich auch kommunal relevante Forderungen: transparentere Verwaltung und Auftragsvergabe, schnellere Baugenehmigungen, mehr sozialen Wohnungsbau, Ausbau von Radwegen und ÖPNV, Datenschutz und digitale Teilhabe sowie mehr Integrations- und Beteiligungsangebote.

Dabei ist eine wichtige Einschränkung nötig: Ein Parteiprogramm ist nicht automatisch eine persönliche Aussage des OB-Kandidaten zu jeder einzelnen Forderung. Zudem behandelt ein großer Teil des DAVA-Programms Bundes-, Landes- oder Europapolitik und keine Oldenburger Kommunalpolitik.

Kurz gesagt: Bei Castur sind Schulen und mehr sichtbare Sicherheitspräsenz als persönliche Schwerpunkte erkennbar. Viele konkrete Oldenburger Fragen bleiben bislang offen; das DAVA-Programm liefert eher politische Grundrichtung als ein lokales Regierungsprogramm.

Byanca Küßner – Prioritäten, Transparenz und klare Zuständigkeitsgrenzen

Byanca Küßner, Jahrgang 1972, Lehrerin, tritt als unabhängige Einzelbewerberin an. Inzwischen enthält ihre Kandidaturseite einen recht umfangreichen Katalog kommunaler Positionen.

Beim Haushalt will Küßner zunächst transparent machen, welche Verpflichtungen bereits bestehen, welche Projekte noch verändert werden können und welche Folgekosten zu erwarten sind. Bei Schulen und Kitas fordert sie eine nachvollziehbare Gesamtplanung von Kosten, Terminen und Kapazitäten. Neue freiwillige Großprojekte sollen nach ihrer Position erst beginnen, wenn die Finanzierung und Planungskapazitäten für prioritäre Schul-, Kita- und Ganztagsmaßnahmen gesichert sind.

Beim Stadion vertritt sie eine konkrete Linie: Bevor die Stadt über den bereits beschlossenen Rahmen hinaus weitere Zuschüsse oder Sicherheiten übernimmt, sollen Einsparmöglichkeiten und zusätzliche Beiträge von Hauptnutzer und privaten Partnern geprüft werden.

Beim Wohnen setzt Küßner auf Sozialquoten, eine transparentere Dokumentation von Ausnahmen und mehr Informationen darüber, wie viele gebundene Wohnungen tatsächlich entstehen oder aus der Bindung fallen. Housing First wird grundsätzlich unterstützt. Im Bereich Verwaltung fordert sie veröffentlichte übliche Bearbeitungszeiten und realistische Serviceziele.

In der Verkehrspolitik spricht sie sich für mehr Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr aus, ohne bisher eindeutig zu beantworten, welche Nutzung bei einem nicht lösbaren Flächenkonflikt Vorrang erhalten soll. Zugleich betont sie häufiger die begrenzten kommunalen Zuständigkeiten – beispielsweise bei der Cäcilienbrücke, die ein Bundesprojekt ist.

Kurz gesagt: Küßner legt den Schwerpunkt auf Transparenz, Priorisierung und die Unterscheidung zwischen tatsächlichen kommunalen Handlungsmöglichkeiten und politischen Versprechen. Bei mehreren Zielkonflikten – insbesondere Verkehr, Housing First und Sozialquote – fehlt noch eine endgültige Festlegung.

Michael Stille – sehr weitgehende Einzelvorschläge

Michael Stille, Jahrgang 1963, Privatier, kandidiert als Einzelbewerber. Von ihm liegt kein umfassendes Wahlprogramm vor, wohl aber eine Reihe teilweise sehr konkreter Einzelpositionen.

Besonders weitgehend ist seine Forderung, die Personalkosten der Stadtverwaltung zu halbieren. Gleichzeitig soll Künstliche Intelligenz verstärkt in der Verwaltung eingesetzt werden. Welche Aufgaben oder Leistungen bei einer Halbierung der Personalkosten entfallen oder grundlegend verändert werden müssten, ist bislang nicht konkret beschrieben.

Beim Verkehr spricht sich Stille für einen kostenlosen ÖPNV und eine Überprüfung der Buslinien aus. Eine Lastenradförderung soll einkommensabhängig ausgestaltet werden. Beim Stadion bevorzugt er eine private oder überwiegend private Finanzierung. Die Kostenentwicklung beim Flötenteichbad möchte er besonders untersuchen beziehungsweise aufarbeiten lassen.

Stille kandidierte bereits 2021 für das Oldenburger Oberbürgermeisteramt und erhielt bei sechs Bewerbenden 1.051 Stimmen (1,45 Prozent).

Damit bietet Stille einige sehr klar unterscheidbare Forderungen, aber noch kein geschlossenes Bild darüber, wie Haushalt, Verwaltung, soziale Infrastruktur und große Investitionen zusammenpassen sollen.

Kurz gesagt: Stille formuliert einige der radikalsten Einzelvorschläge – etwa kostenlosen ÖPNV und eine Halbierung der Verwaltungspersonalkosten. Viele praktische Konsequenzen dieser Forderungen bleiben noch offen.

Holger Wilkens – Kostenkontrolle, Bürgerentscheide und ein schlankerer Klimaplan

Holger Martin Wilkens, Jahrgang 1963, Betriebswirt, kandidiert für das Bürger Bündnis Oldenburg. Hinter seiner Kandidatur steht ein umfangreiches Kommunalwahlprogramm des BB-OL, sodass zu ihm vergleichsweise viele Positionen dokumentiert sind.

Wilkens fordert für Großprojekte unabhängige Kostenkontrollen, verbindliche Kostenobergrenzen und transparente Folgekosten. Vor besonders kostenträchtigen Großprojekten soll es nach dem Programm verpflichtende Bürgerentscheide geben.

Beim Stadion lehnt das BB-OL eine vollständige Steuerfinanzierung ab und will Betreiberkonzept, Kostenobergrenze und Ausstiegsmöglichkeiten überprüfen. Gleichzeitig wird vorgeschlagen, das Marschwegstadion für Schul-, Breiten- und Profisport zu ertüchtigen. Beim Wohnen sollen die kommunale Wohnungsgesellschaft und Sozialquoten gestärkt werden. Messbare Bearbeitungszeiten und digitale Bauverfahren gehören ebenfalls zum Programm.

In der Verkehrspolitik lehnt Wilkens weitere Parkgebührenerhöhungen ab. In der Sicherheitspolitik befürwortet das Programm Videoüberwachung an bestimmten neuralgischen Punkten und bessere Beleuchtung. Beim Klimaschutz unterscheidet er sich erkennbar von Kandidaten wie Rohr: Der Klimaschutzplan 2035 soll evaluiert, verschlankt, priorisiert und realistisch finanziert werden.

Kurz gesagt: Wilkens steht für stärkere Kostenkontrolle, mehr verbindliche Bürgerentscheide, eine auto- und erreichbarkeitsfreundlichere Innenstadtpolitik und einen kleineren, stärker priorisierten Klimaschutzplan.

Was unterscheidet die Kandidierenden?

Wer die vielen Einzelpositionen auf einige Grundlinien reduziert, erkennt durchaus politische Unterschiede.

Bei Haushalt und Verwaltung reichen die Ansätze von einer sozialpolitischen Priorisierung bei Boldt über strukturelle Reformen bei Rohr, Prange und Fröhlich bis zur extrem weitgehenden Personalkostensenkung bei Stille. Butzin und Wilkens legen besonders viel Wert auf externe Kontrolle und Kostendisziplin bei Großprojekten.

Bei Verkehr und Klimaschutz liegt Rohr am deutlichsten auf der Seite eines langfristigen Umbaus zugunsten von Rad und ÖPNV. Wilkens betont stärker Erreichbarkeit, Parkmöglichkeiten und eine Reduzierung beziehungsweise Priorisierung des Klimaschutzplans. Fröhlich fordert eine gleichberechtigtere Betrachtung aller Verkehrsarten. Bei mehreren anderen Kandidierenden ist der konkrete Umgang mit Flächenkonflikten noch nicht eindeutig.

Bei sozialer Infrastruktur setzen Boldt und Prange besonders starke Akzente. Rohr will freiwillige Angebote ebenfalls möglichst vor Kürzungen schützen. Küßner verknüpft ihre Bildungspriorität stärker mit einer Reihenfolge bei künftigen Großprojekten.

Bei Großprojekten und Beteiligung fordern Wilkens und Butzin besonders deutlich externe Kontrolle. Wilkens geht mit verpflichtenden Bürgerentscheiden am weitesten. Küßner betont stärker die Frage, welche zusätzlichen finanziellen Verpflichtungen die Stadt künftig noch eingehen darf.

Und was wissen wir noch nicht?

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Übersicht: Eine Kandidatur besteht nicht nur aus den Positionen, die veröffentlicht wurden, sondern auch aus den Fragen, die bislang unbeantwortet bleiben.

Dass zu einem Kandidaten mehr Aussagen dokumentiert sind als zu einem anderen, bedeutet nicht, dass er politisch „besser" oder „schlechter" ist. Wer ein umfangreiches Wahlprogramm veröffentlicht und mehrere lange Interviews gibt, hinterlässt zwangsläufig mehr auswertbares Material als jemand mit wenigen kurzen Presseporträts.

Deshalb sollte auch die Menge dokumentierter Positionen niemals als Ranking verstanden werden. Genau diese Warnung ergibt sich bereits aus unserer bisherigen Auswertung: Ein ausführliches Programm führt automatisch zu einer höheren Informationsabdeckung.

Für Wählerinnen und Wähler lohnt sich deshalb bei jeder Kandidatur dieselbe Frage:

Was ist tatsächlich entschieden, was ist nur ein allgemeines Ziel – und was würde diese Person tun, wenn zwei gute Ziele miteinander in Konflikt geraten?

Denn „mehr bezahlbarer Wohnraum", „bessere Bildung", „eine moderne Verwaltung", „mehr Sicherheit", „Klimaschutz" und „solide Finanzen" wollen fast alle. Politisch interessant wird es dort, wo nicht alles gleichzeitig möglich ist.

Transparenzhinweis

Quellen. Diese Übersicht basiert auf öffentlich zugänglichen Kandidatenaussagen: offizielle Internetseiten und Wahlprogramme, Interviews, Podcasts und Presseporträts. Nicht öffentliche Unterlagen wurden nicht verwendet – auch nicht dort, wo sie vorliegen. Andernfalls wären Kandidierende ohne Ratsmandat systematisch benachteiligt.

Parteiprogramme. Aussagen wurden nicht aus einer Parteizugehörigkeit abgeleitet. Programme von Parteien und Wählergruppen haben wir nur dort herangezogen, wo kein eigenes Programm der kandidierenden Person vorliegt – das betrifft Yakup Castur und Holger Wilkens. In diesen Fällen ist im Text kenntlich gemacht, dass die Position nicht ausdrücklich persönlich bestätigt ist. Berichtet werden daraus ausschließlich Forderungen mit unmittelbarem Bezug zu kommunalen Entscheidungen in Oldenburg.

Frühere Kandidaturen. Wo wir frühere Kandidaturen für ein Bürgermeister- oder Oberbürgermeisteramt gefunden haben, sind sie mit amtlichem Ergebnis genannt. Diese Recherche erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit für alle neun Kandidierenden; Hinweise auf fehlende Einträge nehmen wir gern entgegen.

Vollständigkeit. Die amtliche Wahlbekanntmachung führt neun Kandidierende: Jascha Rohr, Ulf Prange, Heike Boldt, Sebastian Fröhlich, Ralf Butzin, Yakup Castur, Byanca Küßner, Michael Stille und Holger Martin Wilkens. Alle neun sind hier in derselben Reihenfolge und in vergleichbarem Umfang dargestellt.

Korrekturen. Wir korrigieren sichtbar. Wer eine Position hier unzutreffend wiedergegeben findet, kann sich an redaktion@politik-vor-ort.de wenden; Änderungen werden mit Datum gekennzeichnet, frühere Fassungen nicht stillschweigend ersetzt.