Hintergrund Lars Schwarz ca. 8 Min. Lesezeit
Beschluss trifft Wirklichkeit: Warum ich einen Klima·Check für Oldenburg gebaut habe
Oldenburg will bis 2035 klimaneutral werden. Woran sehen wir, ob die Stadt wirklich vorankommt?
Oldenburg will bis 2035 klimaneutral werden. Das ist kein loses Wahlkampfversprechen, sondern ein politisch beschlossenes Ziel. Die Stadt hat dafür einen Klimaschutzplan beschlossen, Maßnahmen formuliert, ein eigenes Klimaportal veröffentlicht und inzwischen auch rechtliche Pflichten im Rücken, die durch das Bundes-Klimaanpassungsgesetz und das Niedersächsische Klimagesetz konkreter werden.
Das klingt erstmal gut.
Aber eine Frage bleibt: Woran sehen wir eigentlich, ob Oldenburg wirklich vorankommt?
Nicht in einer Pressemitteilung. Nicht in einem Statusbalken. Nicht allein daran, ob eine Maßnahme irgendwo als „in Umsetzung" markiert ist.
Sondern an Daten.
Genau deshalb habe ich den Klima·Check Oldenburg gebaut.
Was diese Seite zeigen soll
Der Klima·Check ist kein offizielles Portal der Stadt. Er ersetzt auch nicht das städtische Klimaportal. Er versucht etwas anderes: öffentliche Daten, den städtischen Klimaschutzplan und die neuen Anforderungen der Klimaanpassung so zusammenzubringen, dass Bürger:innen besser verstehen können, wo Oldenburg steht.
Es geht also nicht darum, noch eine hübsche Klimaseite ins Netz zu stellen.
Es geht um einen Realitätscheck.
Die Grundfrage lautet:
Sind Oldenburgs eigene Klimaziele in messbaren öffentlichen Daten sichtbar?
Dafür schaut der Klima·Check auf drei Ebenen.
Erstens: Was verändert sich tatsächlich in Oldenburg? Also zum Beispiel Emissionen, Heizungen, Autoverkehr, Solarstrom, Busnutzung, Radverkehr, Hitze, Starkregen, Versiegelung und Entsiegelungspotenzial.
Zweitens: Was hat die Stadt selbst beschlossen? Der Klimaschutzplan Oldenburg 2035 enthält Maßnahmen, mit denen die Stadt klimaneutral werden will.
Drittens: Welche Rolle spielt Klimaanpassung? Denn Klimaschutz bedeutet, Emissionen zu senken. Klimaanpassung bedeutet, die Stadt auf Folgen vorzubereiten, die schon da sind oder kommen: Hitze, Trockenheit, Starkregen, Überflutungen und versiegelte Flächen.
Diese drei Ebenen werden oft durcheinandergeworfen. Genau dadurch wird Klimapolitik für viele Menschen unverständlich.
Ein Maßnahmenstatus ist noch keine Klimawirkung
Das ist vermutlich der wichtigste Punkt.
Wenn eine Maßnahme im Klimaschutzplan als „in Umsetzung" markiert ist, heißt das zunächst nur: Die Verwaltung arbeitet daran. Es heißt nicht automatisch, dass dadurch bereits weniger Treibhausgase entstehen. Es heißt auch nicht automatisch, dass sich der Alltag in Oldenburg messbar verändert hat.
Eine Maßnahme kann formal laufen, während die entscheidende Kennzahl noch in die falsche Richtung zeigt.
Und umgekehrt kann sich eine Kennzahl verbessern, obwohl das nicht zwingend Ergebnis lokaler Politik ist. Das Deutschlandticket kann Buszahlen beeinflussen. Bundesförderung kann den Ausbau von Wärmepumpen oder Solaranlagen treiben. Der Strommix wird nicht im Oldenburger Rathaus entschieden.
Deshalb versucht der Klima·Check, sauberer zu trennen:
Verwaltungsfortschritt ist nicht dasselbe wie Klimawirkung.
Das klingt technisch, ist aber politisch wichtig. Denn wenn wir beides vermischen, kann aus Klimapolitik schnell eine Art Fortschrittskulisse werden: Es wird geplant, koordiniert, geprüft und begleitet — aber niemand kann mehr sagen, ob es am Ende reicht.
Was die Daten aktuell zeigen
Der aktuelle Datenstand des Klima·Checks umfasst 40 Indikatoren aus 24 Quellen. Dahinter liegen 711 Rohwerte und 546 angezeigte Datenpunkte.
Einige Beispiele:
Die Treibhausgasemissionen pro Kopf liegen im letzten verfügbaren Jahr 2022 bei 6,3 Tonnen CO₂e pro Einwohner:in. Das ist eine wichtige Kennzahl, aber sie kommt mit Verzögerung. Klimabilanzen sind selten tagesaktuell.
Beim Solarstrom sieht man deutlich Bewegung: Die installierte PV-Leistung liegt im Datenstand bei rund 106,6 MWp. Das ist ein Bereich, in dem tatsächlich Ausbau sichtbar wird.
Bei der Wärme wird dagegen sehr deutlich, wie groß die Aufgabe noch ist: Laut Zensus heizen 94 Prozent der Wohnungen in Oldenburg noch fossil. Nur 1,7 Prozent nutzen Wärmepumpe, Solarthermie oder Geothermie als primäre Heizungsart. Das ist kein Oldenburger Sonderproblem, aber es zeigt, wie weit die Wärmewende im Gebäudebestand noch entfernt ist.
Auch bei der Mobilität ist das Bild gemischt. Oldenburg ist eine starke Fahrradstadt: 41,3 Prozent der Wege werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. Gleichzeitig werden 67 Prozent der Personenkilometer mit dem Auto gefahren. Das ist der entscheidende Unterschied: Viele Wege sind kurz und werden mit dem Rad erledigt. Die emissionsrelevanten Kilometer entstehen aber weiterhin überwiegend mit dem Auto.
Der Pkw-Bestand liegt bei 523,6 Pkw pro 1.000 Einwohner:innen. Der Anteil reiner Elektroautos beträgt 6,07 Prozent. Gleichzeitig fahren noch 85,12 Prozent der Pkw rein fossil. Das ist zwar weniger als früher, aber noch kein Grund zur Selbstzufriedenheit.
Und ja: Ladeinfrastruktur wächst. Im Datenstand sind 344 öffentliche Ladepunkte und rund 17,9 MW öffentliche Ladeleistung enthalten. Aber auch hier ist die entscheidende Frage nicht nur, ob etwas wächst, sondern ob es schnell genug wächst.
Klimaanpassung ist mehr als ein Anhang
Besonders wichtig finde ich die neuen Daten zur Klimaanpassung.
Denn Oldenburg muss nicht nur Emissionen senken. Die Stadt muss auch damit umgehen, dass Hitze, Starkregen, Trockenheit und versiegelte Flächen längst reale Risiken sind.
Im Klima·Check tauchen deshalb nicht nur klassische Klimaschutzdaten auf, sondern auch Risiko- und Anpassungsdaten.
Zum Beispiel:
29,5 Prozent der Stadtfläche sind nach einer modellierten Luftbild- und GIS-Auswertung tatsächlich versiegelt. Das ist nicht dasselbe wie Siedlungs- und Verkehrsfläche, denn Wohnbauflächen enthalten auch Gärten und Grünflächen. Aber es zeigt, wie viel Oberfläche wasserundurchlässig ist.
Noch spannender ist das Entsiegelungspotenzial: Der Datenstand weist 1.691 Hektar Fläche aus, die grundsätzlich entsiegelt werden könnte. Das heißt nicht, dass diese Fläche schon entsiegelt wurde. Es heißt: Hier liegt ein Potenzial, das politisch priorisiert werden könnte.
Hinzu kommen Starkregendaten. Der Klima·Check unterscheidet inzwischen zwischen drei Dingen:
Erstens einer modellierten Starkregengefahr: Wie viele Menschen wohnen dort, wo bei extremem Starkregen Überflutung modelliert wird?
Zweitens realen radarerkannten Starkregenereignissen aus dem DWD-Katalog CatRaRE.
Drittens normalen Niederschlagsdaten aus HYRAS, also Jahresniederschlag und Tage mit kräftigem Regen.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn ein nasses Jahr ist noch kein Starkregenereignis. Und eine Starkregengefahrenkarte ist keine Vorhersage, sondern ein Gefahrenhinweis.
Im aktuellen Datenstand wohnen 12,2 Prozent der Einwohner:innen in Bereichen, in denen bei einem extremen Starkregenereignis im Wohnumfeld mindestens 30 Zentimeter Überflutung modelliert werden. Beim 100-jährlichen Starkregen liegt der Vergleichswert bei 3,6 Prozent.
Das ist keine Panikzahl. Aber es ist eine politische Zahl. Denn sie sagt: Starkregenvorsorge ist nicht abstrakt. Sie betrifft konkrete Quartiere, Gebäude, Wege und Infrastrukturen.
Warum das Niedersächsische Klimagesetz relevant ist
Das Bundes-Klimaanpassungsgesetz verpflichtet öffentliche Stellen dazu, Klimaanpassung bei Planungen und Entscheidungen zu berücksichtigen. Es geht dabei ausdrücklich um Risiken wie Starkregen, Überschwemmung, Trockenheit, sinkendes Grundwasser, Bodenerosion und lokale Wärmeinseln.
Für Oldenburg wird es auf Landesebene noch konkreter.
Das Niedersächsische Klimagesetz verpflichtet kreisfreie Städte wie Oldenburg dazu, bis Ende 2028 ein Klimaanpassungskonzept zu erstellen und zu beschließen. Außerdem spielt das Thema Entsiegelung eine wichtige Rolle.
Damit ist Klimaanpassung nicht mehr nur ein schönes Zusatzthema. Sie wird zu einer öffentlichen Aufgabe.
Und genau deshalb sollte man Daten zu Hitze, Starkregen, Versiegelung, Entsiegelungspotenzial, Wasserverbrauch und Stadtgrün nicht irgendwo unten in einer Fachanlage verstecken. Sie gehören in die öffentliche Debatte.
Das städtische Klimaportal reicht mir dafür nicht
Die Stadt Oldenburg hat ein eigenes Klimaportal. Das ist grundsätzlich gut. Es ist wichtig, dass die Stadt ihre Maßnahmen sichtbar macht.
Aber ein Klimaportal darf nicht nur zeigen, dass Maßnahmen existieren. Es muss auch verständlich machen, was diese Maßnahmen bewirken sollen, welche Daten dazu passen, wo Fortschritt messbar ist und wo es Lücken gibt.
Wenn ein Statusbalken Fortschritt suggeriert, aber die eigentlichen Wirkungsdaten fehlen oder schwer auffindbar sind, entsteht ein Problem.
Dann wird Verwaltungstätigkeit mit Klimawirkung verwechselt.
Genau an dieser Stelle setzt der Klima·Check an. Er fragt nicht nur:
Was steht im Plan?
Sondern:
Was sieht man davon in den Daten?
Manche Zahlen sind unbequem
Ein paar Beispiele zeigen, warum das wichtig ist.
Oldenburg hat viele Radwege, viele Radfahrende und einen sehr hohen Radanteil bei den Wegen. Gleichzeitig gab es 2024 323 polizeilich erfasste Unfälle mit Personenschaden und Fahrradbeteiligung. Die Zahl ist gegenüber 2017 nahezu unverändert. Wer mehr Radverkehr will, muss also auch über Sicherheit sprechen.
Oldenburg hat viele Haltestellen in erreichbarer Nähe. 98,5 Prozent der Einwohner:innen erreichen eine Haltestelle innerhalb von 500 Metern. Aber Nähe ist nicht dasselbe wie gutes Angebot. Deshalb schaut der Klima·Check zusätzlich auf Abfahrten, Abendangebot und Sonntagsangebot.
Oldenburg baut Ladeinfrastruktur aus. Aber der Autobestand bleibt hoch. Der Elektroanteil wächst, aber der Bestand wird weiterhin klar von fossilen Pkw geprägt.
Oldenburg hat ein Entsiegelungspotenzial. Aber Potenzial ist noch keine Umsetzung.
Und genau darin liegt der Wert solcher Daten: Sie zerstören einfache Erzählungen. Sie zeigen nicht „alles schlecht" und nicht „alles gut". Sie zeigen, wo es kompliziert wird.
Was diese Seite nicht ist
Der Klima·Check ist keine amtliche Statistikstelle. Er ist keine Rechtsprüfung. Er ist kein Ersatz für Fachgutachten. Und er ist auch kein endgültiges Urteil über den Klimaschutz der Stadt Oldenburg.
Er ist ein Versuch, öffentlich verfügbare Daten so zusammenzustellen, dass sie politisch und bürgerverständlich nutzbar werden.
Viele Daten haben Einschränkungen. Manche sind nur Modellierungen. Manche sind Befragungen. Manche haben nur einen Stand und noch keine Zeitreihe. Manche zeigen Risiken, aber keine Umsetzung. Manche zeigen Fortschritt, aber nicht, ob das Tempo reicht.
Deshalb ist Transparenz wichtiger als ein glatter Score.
Mir geht es nicht darum, eine einzige Prozentzahl zu erzeugen, die dann behauptet: Oldenburg steht bei 47 Prozent, 62 Prozent oder 81 Prozent Klimafortschritt.
Solche Zahlen klingen objektiv, sind aber oft irreführend.
Mich interessiert eher:
Welche Daten gibt es?
Was zeigen sie?
Was zeigen sie nicht?
Welche Maßnahmen passen dazu?
Und wo müsste die Stadt bessere Daten veröffentlichen?
Der eigentliche Punkt: Kontrolle braucht Daten
Klimapolitik wird oft sehr allgemein diskutiert. Alle sind irgendwie für Klimaschutz. Alle sind irgendwie für mehr Grün. Alle sind irgendwie für weniger Emissionen. Aber sobald es konkret wird, verschwimmt vieles.
Dann heißt es: in Prüfung, in Abstimmung, in Umsetzung, in Vorbereitung, in Zuständigkeit eines Amtes.
Das mag verwaltungsintern stimmen. Für Bürger:innen reicht es nicht.
Wer wissen will, ob Oldenburg auf Kurs ist, braucht mehr als Statuswörter.
Wir brauchen öffentliche, verständliche, überprüfbare Daten.
Nicht, weil Daten alles erklären. Sondern weil sie verhindern, dass Klimapolitik nur noch aus Behauptungen besteht.
Der Klima·Check ist mein Versuch, genau dafür einen Anfang zu machen.
Nicht perfekt. Nicht vollständig. Aber überprüfbar.
Und vielleicht ist das schon der wichtigste Unterschied.
Denn am Ende zählt nicht, ob ein Klimaschutzplan schön formuliert ist.
Am Ende zählt, ob sich die Wirklichkeit verändert.
Jetzt selbst prüfen
Der Klima·Check ist online und kann ausprobiert werden. Dort kannst du selbst sehen, welche Klimadaten für Oldenburg öffentlich verfügbar sind, welche Maßnahmen die Stadt beschlossen hat, wo Fortschritt messbar wird — und wo bisher vor allem Planung, Risiko oder Datenlücken sichtbar sind.
Klimapolitik wird besser, wenn mehr Menschen sie nachvollziehen und hinterfragen können.